Kein Mandat. Und warum Kultur nicht gleich Leitbild ist.

Ich habe mich mit Begeisterung in die Aufgabe geworfen.

Es ging um die Integration zweier Unternehmen, um Change Management. Das Thema fiel in meinen Aufgabenbereich. Ich habe es gemacht wie immer: mir das Thema vorgenommen, Vorschläge entwickelt und eingebracht. Viel Herzblut investiert.

Es passierte nichts. Kein Widerspruch, keine Ablehnung, keine Diskussion. Nur Stille. Monatelang.

Irgendwann habe ich nachgefragt.

Die Antwort schien völlig selbstverständlich: Für diese Themen hätte ich kein Mandat.

Ich war perplex. In dem Unternehmen, aus dem ich kam, ergab sich das Mandat aus der Rolle. Im neuen Unternehmen wurde es offenbar anders vergeben.

In beiden stand Eigeninitiative im Leitbild.

Wer mit fremden Kulturen arbeitet, rechnet mit Unterschieden. Man beobachtet, man fragt nach, man nimmt an, dass man etwas nicht versteht. Ob es gelingt, ist eine andere Frage. Aber man ist aufmerksam.

Sobald etwas gleich heißt, hört das auf. Man bringt seine eigene Deutung mit und legt sie über das, was man sieht. Dass jemand dasselbe Wort anders meinen könnte, kommt einem gar nicht in den Sinn.

Und im eigenen Unternehmen rechnet man damit erst recht nicht.

Nur: Wie werden die Dinge wirklich gemacht?

Nicht so, wie es irgendwo steht.

Genau hier fangen die meisten Leitbilder an. Man beschreibt, wie man arbeiten will. Verantwortung, Respekt, Mut. Und dann steht es an der Wand.

Das Problem ist nicht, dass die Begriffe falsch wären. Das Problem ist, wie jeder sie versteht. Jeder liest sein eigenes Verständnis hinein, und niemand merkt, dass es verschiedene sind. Solange alle dasselbe sagen, klingt es nach Einigkeit.

Was am Ende gilt, ist nicht der Satz. Es ist das, was die Leute für wahr halten. Danach richten sie ihr Handeln aus, und dieses Handeln ist real, ganz unabhängig davon, was beschlossen wurde.

Und woher wissen sie, was wahr ist? Spoiler: nicht aus dem Leitbild.
Aus dem, was sie erleben.

Dementgegen stehen oft zwei Annahmen, die niemand prüft.

Die erste: Wir haben es beschlossen, also verstehen alle dasselbe.

Die zweite: Wir haben uns verändert, also merken es die anderen auch.

Beide lassen sich von innen nicht überprüfen. Wer die Regeln kennt, kann nicht mehr sehen, dass es welche sind.

Es gibt allerdings Menschen, die genau das sehen können. Sie sitzen nur selten mit am Tisch.

Wer neu dazukommt, stolpert in den ersten Wochen über alles, was für alle anderen normal ist. Das ist die Zeit, in der jemand die Regeln noch sehen kann, bevor er sie übernimmt. Danach ist er drin.

Ich mag diese ersten Wochen. Man sieht alles zum ersten Mal und darf noch Fragen stellen, die alle anderen sich längst verkneifen. Oft sind das die klügsten.

Kunden und Partner sehen es von der anderen Seite. Sie merken, ob sich etwas verändert hat, lange bevor ein Leitbild es behauptet. Sie merken es an Antwortzeiten, an Zusagen, daran, wer sich zurückmeldet.

Gefragt werden sie selten. Und wenn, dann nach Zufriedenheit. Nicht danach, was ihnen aufgefallen ist.

Und das Mandat? Heute frage ich in jedem Unternehmen als Erstes, wer hier wirklich entscheiden darf. Das Organigramm verrät es selten.

Probieren Sie es aus. Fragen Sie die Person, die zuletzt bei Ihnen angefangen hat: Was hat dich in den ersten Wochen überrascht? Und fragen Sie einen Kunden: Was ist Ihnen bei uns zuletzt aufgefallen? Die Antworten sagen mehr über Ihre Kultur als jedes Leitbild. Und sie zeigen, wo Sie anfangen können.

Ein Leitbild wird nicht dadurch wahr, dass es beschlossen wurde. Es wird wahr, wenn jemand einen Unterschied bemerkt. Vorher ist es ein Satz an der Wand.

Boss the Future.


Für die Neugierigen

William und Dorothy Thomas haben 1928 einen Satz formuliert, der bis heute trägt: Wenn Menschen eine Situation als wirklich definieren, ist sie in ihren Folgen wirklich. Für ein Leitbild heißt das: Entscheidend ist nicht, was beschlossen wurde, sondern was die Beteiligten daraus verstehen. Danach richten sie ihr Handeln aus – und das Handeln ist dann real, unabhängig davon, ob das Verständnis dem Beschluss entspricht.

Edgar Schein hat Kultur in drei Ebenen unterteilt. Oben die sichtbaren Artefakte, in der Mitte die offen vertretenen Werte, darunter die Grundannahmen, die niemand mehr ausspricht. Ein Leitbild gehört zur mittleren Ebene. Es beschreibt, was gelten soll. Was tatsächlich gilt, entscheidet die unterste. Schein beschreibt diese Grundannahmen als unbewusst und selbstverständlich, und genau das macht sie für die eigenen Leute unsichtbar.


Quellen & Weiterlesen

  • William I. Thomas & Dorothy S. Thomas: The Child in America (1928)

  • Edgar Schein: Organizational Culture and Leadership (1985)

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