Der Click-Dummy. Und warum Veränderung oft im Kleinen gedeiht.

Wir hatten große Pläne. Ein Tool für den ganzen Bereich, viele Funktionen, ein großes Projekt.

Viele verschiedene Anforderungen. Komplex. Teuer. Fast hätten wir resigniert.

Aber dann haben wir uns entschieden, klein anzufangen. Eine Frage. Ein Kundensegment. Ein Click-Dummy, also ein klickbarer Entwurf ohne Technik dahinter, um mit Kunden die Prioritäten zu testen.

Danach immer ein Problem nach dem anderen. Und ein Budget nach dem anderen.

Heute nutzt der ganze Bereich das Tool.

Das Große hatte einen Nachteil: Es musste beschlossen werden.

Ein Beschluss braucht Zustimmung. Zustimmung braucht, dass alle ihre Anforderungen wiederfinden. Und je mehr drin ist, desto teurer wird es und desto länger dauert es, bis überhaupt jemand etwas davon sieht.

Wer sechs Zustimmungen braucht, braucht nur eine Absage, um das Projekt zu kippen.

Freigegeben werden musste das kleine Projekt auch. Nur war daran eine Abteilung beteiligt und nicht sechs. Und es ging um ein paar Workshops und einen Click-Dummy, nicht um ein Jahresbudget.

Genau das war der Schutz. Keine große Ausstattung, kein eigener Raum, kein leuchtender Projektname. Nur wenige Beteiligte und ein Einsatz, den niemand verteidigen musste.

Die meisten Organisationen bauen das Gegenteil. Wer Innovation ordentlich machen will, gibt ihr ein Budget, ein Team und einen Lenkungskreis. Und damit muss sie ab dem ersten Monat liefern. Gemessen wird sie an dem, was längst läuft.

Jedes neue Ding steht am Anfang schlecht da: Weniger Volumen, mehr Fehler, dünnere Zahlen. Es verliert jeden Vergleich, in den man es stellt.

Geschützt ist dabei nicht dasselbe wie abgetrennt. Wer das Neue ganz auslagert, bekommt eine Insel. Was dort entsteht, findet keinen Weg zurück.

Unser Click-Dummy war immer greifbar. Er hing an echten Fragen echter Kunden, und jeder Schritt danach löste ein Problem, das es tatsächlich gab.

Angefangen hat eine Abteilung. Die anderen haben zugeschaut.

Irgendwann kam die erste und wollte auch.

Das ist der Unterschied zu einem Rollout. Ein Rollout braucht die Zustimmung vorher. Hier kam sie hinterher. Niemand musste überzeugt werden, weil alle sehen konnten, ob es funktioniert.

Nebenbei blieb das Budget überschaubar, und die Sache war bis zuletzt änderbar.

Rückblickend war das Kleine die Bedingung dafür, dass es überhaupt losging.

Große Vorhaben haben viele Gegner, die man nicht sieht. Das Vertraute, das sich sicherer anfühlt. Abläufe, die einfach weiterlaufen. Worte, die jeder anders versteht. Ziele ohne Richtung. Je größer das Vorhaben, desto mehr davon steht ihm im Weg. Das Kleine kommt da durch.

Man muss nicht erst gegen die Wand laufen, um klein anzufangen. Probieren Sie es aus. Welches Vorhaben liegt bei Ihnen seit Monaten auf Eis, weil es zu groß ist? Was wäre die kleinste Version davon, die Sie in vier Wochen mit einem einzigen Kunden testen können?

Boss the Future.


Für die Neugierigen

Drei ziemlich verschiedene Schulen kommen an derselben Stelle heraus. John Kotter beschreibt ein zweites Betriebssystem neben der Hierarchie, das über Freiwillige läuft und nicht über Budget. Eric Ries nennt den kleinsten Schritt ein Experiment und misst ihn daran, was man daraus lernt. Effectuation arbeitet mit dem leistbaren Verlust: Man setzt nur ein, was man verlieren kann, ohne dass es wehtut. Drei Herkünfte, ein Befund.

Eine Einschränkung gehört dazu. Alle drei stammen aus Umfeldern, in denen Scheitern billig sein darf. Wo Zulassung, Haftung oder Sicherheit im Spiel sind, ist der günstige Fehlversuch nicht zu haben. Dort verschiebt sich die Frage darauf, was man überhaupt klein ausprobieren kann.


Quellen & Weiterlesen

  • John P. Kotter: Accelerate (2014)

  • Eric Ries: The Lean Startup (2011)

  • Michael Faschingbauer: Effectuation (2017)

  • Saras D. Sarasvathy: Effectuation. Elements of Entrepreneurial Expertise (2008)

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