Twipsy und ich. Und warum Veränderung so schwierig ist.

Ich erinnere mich noch gut an die Expo 2000 in Hannover.

Die Stadt war anders. Überall Aufbruchsstimmung, als würde Hannover einmal ganz tief einatmen. Plötzlich gab es eine neue S-Bahn-Linie, und der Ort, an dem sich die Kulturen der Welt versammelt hatten, war damit auch für mich erreichbar. Mein erster Falafel. Mein erster Döner. Dieses faszinierende bunte Treiben. Vom Dorf in die weite Welt. Das hat mich geprägt.

Und mittendrin: Twipsy.

Twipsy war das Maskottchen der Expo. Sein Schöpfer Javier Mariscal hat ihn als „Held der Zukunft“ entworfen: Ein optimistisches, dynamisches Cyberwesen das Mensch, Natur und Technik vereinte. Eine große Nase für die Neugier. Ein langer, flügelartiger Arm, um Grenzen zu überwinden, und ein kurzer zum Umarmen und Brücken bauen. Ein Damen- und ein Herrenschuh für Gleichberechtigung. Ein Kopf, der frei und flexibel schwingt.

Twipsy war nicht einfach nur ein Maskottchen. Twipsy war ein Manifest.

Das ist 26 Jahre her. Heute steht Twipsy im Museum. Und wir diskutieren viele Fragen von damals noch immer. Manchmal mit denselben Antworten.

In Organisationen erlebe ich das ständig. Ein neues Strategieprojekt. Workshops, Präsentationen, alle nicken. Sechs Monate später läuft alles wie vorher. Dann kommt das nächste Framework. Lean, Agile, New Work, KI. Alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf. Und darunter dieselben Muster, dieselben Gespräche, dieselbe Erschöpfung.

Ich war 20 Jahre in globalen Unternehmen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, immer im selben Meeting zu sitzen. Mit denselben Konzepten und denselben nickenden Köpfen. Zwei Jahre später kam die nächste Umorganisation. Zurück auf Los.

Das ist keine Böswilligkeit. Und keine Kurzsichtigkeit. Die meisten wissen sehr genau, was sich ändern müsste. Und trotzdem passiert nichts.

Warum fallen wir immer wieder zurück, obwohl wir wissen, dass wir etwas ändern müssen? Nicht die da oben. Wir. Alle.

Ein Teil der Antwort liegt in uns.

Das Vertraute fühlt sich sicherer an als das Unbekannte, selbst wenn es nicht funktioniert. Die Forschung nennt das Status-quo-Bias. Dazu kommt: Veränderung bedeutet erst einmal Verlust, bevor sie etwas bringt. Und Verluste wiegen für uns schwerer als gleich große Gewinne. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben das Verlustaversion genannt. Deshalb findet unser Gehirn immer einen guten Grund, warum jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist.

Das ist keine Schwäche. Das ist menschlich.

Aber es ist nur ein Teil. Veränderung scheitert auch dort, wo die Menschen längst wollen. An Abläufen, die einfach weiterlaufen. An Worten, die jeder anders versteht. An Zielen, die keine Richtung haben. Genau darum geht es in den nächsten Artikeln.

Ich schreibe diesen Blog, weil ich Twipsy nicht im Museum lassen will. Ich habe Bock auf Zukunft. Und ich glaube, dass Veränderung gelingen kann, wenn man versteht, woran sie hängt.

Fangen Sie bei sich an. Was haben Sie sich schon dreimal vorgenommen und dann doch nicht gemacht? Und was war jedes Mal der Grund, warum gerade nicht der richtige Zeitpunkt war?

Boss the Future.


Für die Neugierigen

Die Verlustaversion gehört zu den bekanntesten Befunden der Verhaltensökonomie – der oft zitierte Faktor "doppelt so schwer" stammt allerdings aus bestimmten Laborsituationen und schwankt je nach Kontext erheblich.

Was bleibt: die Richtung. Ein drohender Verlust bewegt uns zuverlässiger als ein möglicher Gewinn.


Quellen & Weiterlesen

  • Daniel Kahneman: Schnelles Denken, Langsames Denken (2011)

  • Amos Tversky & Daniel Kahneman: Prospect Theory – An Analysis of Decision under Risk (1979)

  • William Samuelson & Richard Zeckhauser: Status Quo Bias in Decision Making (1988)

  • Expo 2000 Hannover GmbH: Twipsy – Held der Zukunft (Ausstellungsdokumentation)

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