Organisationen werden gern mit Tankern verglichen. Schwer beladen, träge, ein Kurswechsel dauert Kilometer.
Lange dachte ich, damit sind Konzerne gemeint. So habe ich es selbst erlebt. Der Mittelstand war für mich eher das Speedboot. Kurze Wege, wenig Hierarchie. Wer schnell entscheiden kann, kann sich schnell verändern.
Vor Kurzem sagte mir jemand, er stelle sich seine Organisation als Tanker vor. Eine Organisation, die ich nicht als Konzern betrachten würde. Es klang auch nicht wie eine Beschwerde. Eher wie eine Beschreibung.
Also ist der Mittelstand doch ein kleiner Tanker?
Eher nicht. Vielmehr stimmt das Bild nicht.
Ein Speedboot, dessen Ruder festgeschweißt ist, ist nicht wendiger als ein Tanker. Es ist nur schneller unterwegs. In dieselbe Richtung.
Masse bremst, das stimmt. Aber sie bestimmt nur, wie lange ein Kurswechsel dauert. Nicht, ob er möglich ist.
Wo sitzt also das Ruder in einer Organisation?
Die übliche Antwort lautet: in den Köpfen. Haltung, Kultur, Mindset. Deshalb gibt es Workshops und Führungskräfteprogramme.
Das ist nicht falsch. Das Wissen steckt tatsächlich in den Köpfen.
Es fließt nur nicht auf einmal anders, weil etwas beschlossen wurde. Kultur zeigt sich nicht allein in Menschen. Sie zeigt sich auch in dem, wie Dinge im Unternehmen gehandhabt werden: In Prozessen, die seit Jahren dieselben Stationen haben. Im Reporting, das jeden Monat dieselben Kennzahlen abfragt und damit festlegt, was betrachtet wird. In der Agenda des Montagsmeetings.
Diese Dinge sind nicht neutral. Jedes davon war einmal eine Antwort auf ein Problem. Manchmal gut begründet, manchmal einfach der Weg, den jemand gegangen ist.
Was bleibt, ist die Form. Und solange die Form steht, läuft das Verhalten weiter durch sie hindurch. Nicht aus Widerstand. Sondern unbewusst, weil das der Weg ist, der etabliert ist.
"Organisationen erinnern sich, indem sie handeln."*
Das Wissen liegt nicht in Dokumenten, sondern in der Wiederholung selbst. Deshalb hält sich eine Routine auch dann, wenn niemand mehr sagen kann, warum es sie gibt. Und auch dann, wenn das Problem, das sie einmal lösen sollte, längst verschwunden ist.
Was heißt es also, wenn jemand sagt: „Das haben wir schon immer so gemacht"?
Meistens ist es keine Ausrede. Es ist eine zutreffende Beschreibung. Die Begründung ist weg, der Ablauf ist geblieben.
Ich bin über diesen Satz vor allem dann gestolpert, wenn ich neu irgendwo angefangen habe. Bei der Zusammenführung von verschiedenen Organisationen war es dasselbe: Erst wenn jemand dazukommt, der den Ablauf nicht kennt, fällt überhaupt auf, dass es einen gibt.
Manchmal führt das zu Widerstand. Oft aber zu einem Gespräch, das vorher niemand geführt hat. Und danach zu einem besseren Prozess.
Das ist für mich einer der schönsten Momente in jeder Veränderung. Jemand fragt: Warum machen wir das eigentlich so? Und keiner hat eine Antwort. Plötzlich ist Platz für etwas Neues.
Trotzdem versandet vieles, was mit Begeisterung startet. Die meisten wissen längst, warum die Veränderung wichtig ist. Aber solange die Abläufe bleiben, lösen wir ein neues Problem mit alten Methoden. So wird aus dem Aufbruch schnell ein Abbruch.
Wer nur die Abläufe umbaut, bekommt neue Formulare und dieselben Gespräche. Wer nur an der Haltung arbeitet, bekommt überzeugte Leute in unveränderten Bahnen. Und wer nur die Strategie neu schreibt, bekommt ein Dokument.
Das eine hält das andere fest. Deshalb hält Veränderung nicht, wenn sie an einer einzigen Stelle ansetzt. Alles andere läuft in der Zwischenzeit weiter wie vorher.
Das heißt nicht, dass man alles gleichzeitig umbauen muss. Man sollte nur wissen, was womit zusammenhängt, bevor man anfängt.
Und die gute Nachricht: Ein festgeschweißtes Ruder lässt sich lösen. Dafür braucht es selten ein großes Programm.
Für den Anfang reicht eine Frage: Was läuft nächste Woche weiter, ohne dass jemand es entscheidet? Suchen Sie sich eine Antwort aus und ändern Sie genau diese eine Sache. Das Ruder bewegt sich. Erst ein bisschen, dann immer leichter.
Edgar Schein hat Kultur in drei Ebenen unterteilt: sichtbare Artefakte, offen vertretene Werte, und darunter die Grundannahmen, die niemand mehr ausspricht. Prozesse, Formulare und Meetingstrukturen gehören zur obersten Ebene. Sie sind das, was man sehen kann – und deshalb der praktikabelste Einstieg, wenn man an die darunterliegenden Ebenen heran will.
*Richard Nelson & Sidney Winter: An Evolutionary Theory of Economic Change (1982)
Edgar Schein: Organizational Culture and Leadership (1985)
Upward Dynamics - Organisationsentwicklung in Mannheim, der Rhein-Neckar-Region und bundesweit
Anna Herbst
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